Am 23. November 2020 wäre die Bischofswahl gewesen - und das Domkapitel hat die Wahl verweigert. Das Domkapital hat das seltene Privileg aus einer 3er-Liste zu wählen, abgelehnt. Nun ist der Papst an der Reihe und muss entscheiden. - Eigentlich paradox: wir wollen Mitsprache, und wenn man sie hat - dann wird sie delegiert.

Was das Domkapitel zu diesem eigenartigen Schritt bewogen hat, wird wohl irgendwann erfahrbar sein (eine offizielle Stellungnahme wäre wünschenswert). Welchen Schaden damit angerichtet wurde, kann im Augenblick nur erahnt werden.

Es ist erstaunlich wie nun eine Chance verpasst wurde in der schwierigen Situation des Bistums Chur endlich einen Neuanfang zu setzen.

Der Neuanfang in unserem Bistum ist nur möglich, wenn der neue Bischof alle verschiedenen Richtungen der Glaubensausrichtung in seinem Mitarbeiterstab vertreten hat. Nur dann ist eine Annäherung und ein Zusammenwachsen möglich. Nur dann können die Spaltungen überwunden werden. 

Schade, dass diese Chance verpasst wurde und damit dem neuen Bischof, der ernannt werden wird, die Arbeit noch schwieriger gemacht wird.

So stellen sich nach der Nichtwahl des Bischofs u.a. folgende Fragen:

a. Wer wird nun zum Bischof ernannt? und wann? (hoffentlich bald)
b. Was geschieht mit dem Domkapitel, das sich selber desavouiert hat? Wird es aufgelöst? Zu gross mit 24 Personen ist es sowieso.
c. Wie reagiert der Vatikan/die Kurie/der Papst auf die Ablehnung der Terna?

Beten wir für dieses Bistum und werden wir uns alle bewusst, dass es nicht um Graben-/Stellungskämpfe in der Kirche geht bei einer Bischofswahl, sondern um den Glauben und die Glaubensvermittlung.

 

 

Es ist nicht immer einfach etwas zusammen zu fassen, das einem wichtig ist. Mein geistlicher Vater, Franz Näscher (jahrelang Pfarrer von Vaduz und Dekan des Fürstentums Liechtenstein), hat dies gemacht und es wurde am 10.11.2020 anlässlich seiner Beerdigung vorgetragen. Mit Erlaubnis der Familie finden Sie hier ohne Kommentar seine Zeilen.

 

Vermächtnis von Pfr. Franz Näscher (+6.11.2020)

"„Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage“ (Jo 15,14). Dieses Wort Jesu hat mich seit jungen Jahren und immer wieder von Neuem geleitet. In ihm sei uns die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes erschienen, heißt es im Titus-Brief (3,4).
Das Buch der Weisheit bezeichnet Gott als „Freund des Lebens“ (Weish 11,26). Und in den Psalmen lobt der biblische Beter die Freundlichkeit und Güte Gottes, mit der er sich um uns Menschen sorgt und sich unser annimmt. Er achtet den Menschen und wer ihn achtet, wird zum Gottesfreund wie die großen Gestalten des Glaubens. „Abraham glaubte Gott, ... und er wurde Freund Gottes genannt“ (Jak 2,23). Mit Mose habe Gott „Auge in Auge“ geredet, „wie ein Mann mit seinem Freunde redet“ (Ex 33,11). Im Namen Gottes bezeichnet der Prophet Jesaja das damalige Gottesvolk als „Nachkommen meines Freundes Abraham“ (Jes 41,8).
Als neues Gottesvolk sind wir auf Jesus gegründet (vgl. 1 Kor 3,11; Eph 2,20; 1 Petr 2,4-8). Seine Freundschaft wurde sichtbar, indem er sich sein Leben lang mit den Menschen solidarisierte. Er stand zu den Menschen, gerade auch zu jenen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden, und auch zu jenen, die in ihrem Leben versagt haben, was ihm seine Gegner zum Vorwurf machten, wenn sie ihn abschätzig als „Freund der Zöllner und Sünder“ beschimpften (vgl. Mt 11,19; Lk 7,34). Der Tod am Kreuz war das Größte seiner Freundschaft (Jo 15,13); Höhepunkt ist die Auferstehung, weil seine Solidarität im Tod nicht endete. Ist Christus auferstanden, werden auch wir auferstehen und mit ihm sein, schreibt der Apostel Paulus (vgl. 1 Kor 15).
Besonderen Eindruck hat mir schon früh die Erzählung von den Emmaus-Jüngern gemacht. Sie war das Evangelium meines Primiz-Gottesdienstes. Der Auferstandene geht mit uns, auch wenn wir es nicht spüren oder vielleicht gar nicht wahrhaben wollen. Das Primizkreuz, das ich mir von meinem Geistlichen Vater, Pfarrer Albert Schlatter, wünschen durfte, war die Darstellung des Auferstandenen vor dem Hintergrund der Kreuzesbalken. Ich bin fest überzeugt, dass der Auferstandene, der bei uns ist – näher, als wir meinen – das Christus-Bild des angebrochenen dritten Jahrtausends sein muss. Papst Johannes Paul II. betonte in seinem Rundschreiben zur Jahrtausendwende (Nr. 28):
Die Betrachtung des Angesichtes Christi kann nicht beim Bild des Gekreuzigten stehen bleiben. ...
Es ist der auferstandene Christus, auf den die Kirche jetzt schaut.
Wenn Jesus uns seine Freunde nennt, indem wir tun, was er uns aufträgt, dann ist dies von Bedeutung für unser Glauben und für die Beziehung zu Jesus. Was damit gemeint ist, hat Karl Rahner, der hervorragende Theologe des 20. Jahrhunderts, einmal treffend ausgedrückt: Wir sollten Jesus um den Hals fallen können, wenn er uns begegnete. Im 16. Jahrhundert hat die große Kirchenlehrerin Teresa von Avila (+1584) geschrieben: „Wer Jesus als Freund und hochherzigen Führer hat, kann alles tragen; denn Jesus hilft uns und gibt uns Kraft. Er lässt keinen im Stich und ist ein wahrer und aufrichtiger Freund.“1
Die Namen „Freund“ und „Freundschaft“ seien zwar in ihrer eigentlichen Bedeutung fast völlig aus dem heutigen Sprachgebrauch verschwunden, sofern sie nicht als beschönigende Bezeichnung für „erotische Verhältnisse“ herhalten müssten, schrieb der deutsche Theologe Eugen Biser. Umso mehr sei es dann aber geboten, sich des Namens wieder zu erinnern und ihn der Vergessenheit zu entreißen, da er seiner ganzen Sinngebung nach dazu angetan sei, die Beziehung zu Jesus auf den Namen „Freund“ zu bringen.2
Als Freundeskreis um Jesus haben sich die Jünger verstanden. Die Lazarus-Erzählung im Johannes-Evangelium ist ein Beispiel dafür. Als Lazarus erkrankte, schickten seine Schwestern zu Jesus mit der Nachricht: „Herr, dein Freund ist krank.“ Jesus brach nicht sogleich auf; er antwortete nur: „Lazarus, unser Freund, schläft“ (Jo 11,3.11). Dieses Selbstverständnis als Freundeskreis um Jesus galt weiter für die ersten Christengemeinden; sinngemäß findet sich in fast allen Briefen der Apostel, was ganz ausdrücklich am Schluss des dritten Johannesbriefes (3,15) steht: „Es grüßen dich die Freunde. Grüße die Freunde, jeden einzelnen!“
Freundeskreis um Jesus ist ein bedeutungsvolles Kirchenbild für unsere Zeit. „Durch Freundschaft kehrt die Liebe in unsere Gemeinschaften zurück: Freundschaft zwischen Priestern und Laien, Freundschaft unter den Pfarreien, unter den verschiedenen Gruppen und Gemeinschaften, Freundschaft zwischen Jungen und Alten, Ordensleuten und Priestern, Bischöfen und Klerus“, schreibt Andrea Riccardi, der Gründer der Comunità Sant’Egidio in Rom.4
Bemühen wir uns um eine freundschaftliche Beziehung zu Jesus und miteinander! Besonders die Jugendlichen bitte ich, Jesus als Freund ihres Lebens nicht aus den Augen zu verlieren. Schon das alttestamentliche Buch der Weisheit lehrt uns, „dass der Gerechte menschenfreundlich sein muss“ (Weish 12,19)! Der Freundschaftsgedanke stand hinter meinem Bemühen in der Seelsorge. Es hat mir wehgetan, wenn ich die kirchliche Gemeinschaft an der Basis und leider auch von der Kirchenleitung her nicht immer freundschaftlich erfahren habe. Ich danke allen, die mein Anliegen für eine menschenfreundliche Kirche verstanden haben, und bitte um Nachsicht, wenn es mir selber nicht immer gelungen ist, diesem Kirchenbild entsprechend vorbildlich und uneigennützig zu leben. Mögen mir darum alle verzeihen, denen ich nicht menschenfreundlich begegnet bin! Und Christus möge mich mit Nachsicht aufnehmen, wenn ich dadurch seinem Freundeskreis zu wenig gedient habe.
Papst Johannes XXIII. ist trotz seiner kurzen Zeit als Papst unvergessen, weil er verständnisvoll und mit Güte auf die Menschen zugegangen ist und damit eine Kirche gezeigt hat, die menschenfreundlich miteinander umgeht. Das ist es, was bis heute seine Ausstrahlung ausmacht. Die Kirche als Freundeskreis um Jesus ist für ihre Zukunft von entscheidender Bedeutung. Um Christus und seine Botschaft muss es uns gehen – nicht vorrangig um Recht und Macht. Dem Apostel Paulus war es zur festen Grundhaltung geworden, alles als Verlust zu betrachten, „weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles übertrifft ... Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden; ... So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen“ (Phil 3,8.10). Nur als Freundeskreis um Jesus wird die Kirche glaubwürdig in ihrer Sendung in der gegenwärtigen Welt, die sich an einem Wendepunkt befindet. Freundschaftliche Verhaltensweisen können wachsender Anonymität und Gleichgültigkeit, zunehmender Aggression, Fremdenfeindlichkeit und roher Gewalt entgegenwirken. Verantwortungsbewusste Politiker sehen den Ausweg „in der Vergeistigung des Lebens, im Umdenken hinsichtlich der Haltung des Menschen zur Natur, den Mitmenschen, ja sich selbst gegenüber“, so schrieb Michail Gorbatschow in seinen Erinnerungen.5 Freundschaft ist ein anderes Wort für die Achtung der Würde jedes Menschen.
Und schließlich noch etwas, warum Kirche als Freundeskreis um Jesus für unser Glauben bezeichnend ist. Entspringt das brennende Verlangen nach zwischenmenschlichen Beziehungen nicht der Vorahnung der endgültigen Gemeinschaft mit dem menschenfreundlichen Gott? Roger Schutz, der Gründer der ökumenischen Mönchsgemeinschaft von Taizé im Burgund, hat in einem seiner Bücher geschrieben: „Freundschaft lässt eine unsichtbare Welt vorausahnen. Nirgends sonst auf Erden leuchtet das Antlitz Gottes so sichtbar auf wie in ihr. Der Glaube entsteht zwar nicht aus der menschlichen Freundschaft, aber er findet in ihr eine Stütze. Das gilt für die ganze Kette von Freundschaften, die mit der ersten christlichen Gemeinde ihren Anfang nahm, so sehr, dass es nicht mein Glaube ist, was zählt, sondern der Glaube der Kirche.“6
Dieser Glaube findet einen wunderbaren Ausdruck in einer Sopran-Arie im Oratorium „Der Messias“ von Georg Friedrich Händel:

Ich weiß, dass mein Erlöser lebet

und dass er erscheint am letzten Tage dieser Erd’.

Wenn Verwesung mir gleich drohet,

wird dies mein Auge Gott doch sehn.

Ich weiß, dass mein Erlöser lebet;

denn Christ ist erstanden von dem Tod,

der Erstling derer, die schlafen".7

 

1 Teresa von Avila: Über das Buch des Lebens. Cap. 22,6.

2 Biser, Eugen: Der Freund. München, 1989, S. 233.

4 Riccardi, Andrea: Gott hat keine Angst. Würzburg 2003, S. 35.

5 Gorbatschow, Michail: Erinnerungen. Berlin, 1995, S. 661.

6 Schutz, Roger: Die Gewalt der Friedfertigen. Herder-Taschenbuch 421, S. 97-99.

7 Händel, Georg Friedrich: Der Messias. Nr. 43.

 

Im Sommer 2020 hiess es, dass die Bischofswahl vor der Türe steht - und bis heute hat sie nicht stattgefunden. Seit mehr als 3 Jahren wird nun der neue Bischof erwartet und die Gläubigen in Geduld eingeübt. 

Doch dies führt auch dazu, dass eine riesige Vakanz vorhanden ist. Mit dem Rücktritt von Genralvikar Josef Annen wurde dieses Vakuum noch grösser. Es ist unterklärlich, dass die verantwortlichen Personen sich nicht bewusst sind, welcher Schaden auf diese Art angerichtet wird. 

Die Bistumsleitung ist in dieser Zeit und Form nicht handlungsfähig für die Zukunft. Fällige Entscheidungen warten einer Antwort und Lethargie macht sich bereit. - Und all dies in einer Zeit, wo die Kirche gefordert wäre Wege der Hoffnung und der Zuversicht in die Zukunft zu setzen und zu säen. 

Es wäre gefordert, dass die Kirche Schweiz mit einer Stimme sprechen würde und gemeinsame Lösungswege für die Zukunft gestartet werden. 

Dass all dies nicht geschieht, zeigt sich schon in erschreckenderweise mit dem Umgang des Coronavirus. Die verschiedenen Pfarreien in den verschiedenen Bistumsregionen - geschweige in den Bistümern - haben überall andere angehensweisen. Wie soll dies den Leuten vermittelt werden? Was kann begründet werden?

Es ist Zeit für den neuen Bischof und ein neues Mitarbeiterteam, das zusammen den Weg in die Zukunft geht und die verschiedenen Ausrichtungen in der Kirche Schweiz zusammenführt und nicht gegeneinander ausspielt. Es ist Zeit sich bewusst zu werden, dass wir nur zusammen der Leib Christi sind. - Wohl gemerkt: der Leib Christi nicht Leichnam Christi. Es ist Zeit zu zeigen, dass wir leben und da sind und gestalten auf dem Weg des Lebens.

Carpe Diem

kurt vogtAuf diesen Seiten erstelle ich in loser Reihenfolge Blogeinträge zu Reisen, Gedanken oder zum Zeitgeschehen.

Es freut mich, wenn Sie regelmässig vorbei schauen und meine Gedanken und Berichte lesen.

Ihr Pfarrer Kurt Vogt
Pfarrer in Näfels GL

Zum Seitenanfang
JSN Blank template designed by JoomlaShine.com