Wie sieht es mit Ihrer Geduld oder Ungeduld aus? Mein Lieblingsgebet lautet: "Lieber Gott, schenke mir Geduld - aber sofort." - Und dann lässt er mich warten und mich Geduld üben.

Sicherlich, Geduld ist nicht meine Tugend. Doch frage ich mich auch immer wieder, ob wir wirklich so geduldig sein müssen, wie es andere einem "eintrichtern" möchten. Wir mit dem Hinweis auf "Geduld" nicht oftmals einfach ein Hinauszögern, Hinausverschieben versteckt?

Irgendwann ist doch wirklich die Geduld am Ende!

Und dann kommt der nächste Hinweis: einen Schritt nach dem anderen! - Dies ist zwar logisch, aber zwischen den Schritten sollten auch nicht Jahre sein....

Manchmal frage ich mich, was Jesus mit all den Hinweisen auf Geduld gemacht hätte? Wäre er wirklich so geduldig gewesen? Hat er nicht vielmehr Hand angelegt, wo es nötig war?
Kennen Sie eine Bibelstelle in der Jesus sagt: Ich habe jetzt keine Zeit, haben Sie Geduld, ich komme morgen oder in einer Woche wieder?

Jesus hat gehandelt, wo es nötig war und dies zeitnah, wie es heute so schön heisst. - Alles andere würde seiner Botschaft widersprechen und diese untergraben.

Wenn wir uns als Getaufte in der Nachfolge Jesu sehen, dann wünschte ich mir, dass dies auch von uns umgesetzt würde. Beispiele hierfür gibt es genug, wo dies nötig wäre:

- die Bischofswahl in Chur
- die Umsetzung des II. Vatikanischen Konzils
- Arbeitsaufträge, die erledigt werden müssen (was sagte mir letzthin jemand: "Bei mir liegt alles grundsätzlich zuerst 3 Wochen auf einem Stapel der Pendenzen. Dann beginne ich erst damit. Es ist nicht gut, wenn man es sofort macht. Das erweckt nur den Eindruck, man hätte nichts zu tun...")

Wäre nicht das andere Sprichwort motivierend: "Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen."

 

Na ja, in der Schweiz ist in Diskussion die Ehe für alle mit allen Rechten und Pflichten. Damit verbunden ist auch die Frage von Kinder adoptieren, und Kinder gemeinsam zu haben. Und Letzteres heisst dann eben auch Samenspende für alle möglichen Formen von Paaren. Mir kommt all dies sehr eigen vor. Dass verschiedene Formen von Partnerschaften gelebt werden ist das eine. Denn dies ist der Entscheid von den jeweiligen Eltern. Doch wenn es um Kinder geht, kommt eine Person hinzu, die nicht mitreden kann.

Persönlich frage ich mich dabei, was denn hier wirklich im Zentrum ist und was die Aufgabe eines christlichen Staates ist. Um welche Frage geht es denn hierin:

a. Was will ich? Was mache ich hier in der Welt? Was will ich zu meinem Wohle?

b. Was will mein Gegenüber, das mir anvertraut ist? Was ist zum Wohle des anderen?

Mir persönlich kommt das Ganze wie Eigeninteresse vor: Wenn ich ein Kind will, muss ich es haben. Ich bestimme den Zeitpunkt, und die Kombination aus welchem Ei und welchem Samen. Es muss mir entsprechen. Es ist mein Interesse. So werden Kinder in die Welt gestellt und es grenzt an "Produktion".

Gleichzeitig werden in der Schweiz x Kinder abgetrieben, x Kinder in Kinderheime abgegeben. Wir haben Flüchtlingskinder, die keine Eltern haben und allein gelassen werden.

Warum wird nicht zuerst hier geschaut? Sicherlich, diese Kinder sind oftmals keine Babys mehr und darum für den "freien Markt" nicht mehr so interessant" - oder es wird ihnen eben ein Leben gar nicht ermöglicht, weil sie zum falschen Zeitpunkt gezeugt wurden.

Warum wird in der Schweiz das Adoptionsrecht, das Recht für Pflegeeltern nicht zuerst bereinigt und angepasst?

Wenn Sie sich fragen, warum meine Bemerkungen: In der Ukraine warten mehr als 120 Babys auf ihre Eltern, die sie "bestellt" haben. Infolge Corona weiss niemand ob die Kinder je zu den AuftragsgeberInnen gelangen, und wenn sie dann doch hinkommen ob sie noch genommen werden - weil sie eben schon älter geworden sind. 

Was ist im Zentrum: ICH und mein Wohl, oder das Wohl der Kinder?

Leben wir wirklich in einer christlichen Gesellschaft?

Als ich vor vielen Jahren meine berufliche Tätigkeit im Kanton Uri begann, durfte ich hören: "Wie kann man nur so blöde sein, in diesen Kanton zu gehen. Die sind doch hinter dem Mond..." Na ja, die Urner waren nicht hinter dem Mond, mehr auf dem Laufenden als viele meinten, aber sie waren bodenständig.

Als ich von dort wegging in die Stadt Winterthur, hiess es: "Aber nicht in eine Arbeiterstadt mit so vielen Ausländern. Das ist ja nicht mehr was von uns. Die sind doch...." Na ja, angetroffen hatte ich Menschen mit ihren Freuden und Sorgen....

Und als ich von dort wegging nach Stäfa, wo ich dann 18 Jahre wirkte, bekam ich zu hören: "Dorthin? Zu diesen hochnäsigen an der Goldküste und den vielen Reformierten, die auf uns herabschauen? Das werden Sie nicht lange aushalten." - Erfahrbar waren Menschen, in der grössten Weinbauerngemeinde des Kantons Zürich mit Herzblut und Stolz auf den Ort, wo sie wohnen.

Dann hiess es, dass ich ins Limmattal gehen werde. "Was dorthin? Da kann man doch nicht leben, da geht alles kaputt und wird alles zerstört. Eine grässliche Landschaft...." - Die Landschaft ist schön, die Menschen vielfältig auf Grund der verschiedenen Nationalitäten und darin eine grosse Chance: ein kleines Babylon in dieser globalen Welt - und doch sich zusammenfindend.

Und nun, wo die Menschen wissen, dass ich nach Näfels/GL gehen werde, heisst es auf einmal: Dorthin? In den Ziegerschlitz? In ein kleines Dorf?" - Na ja, so klein ist Näfels und der Kanton Glaurs nicht und so schlimm sicherlich auch nicht, denn zuviele ZürcherInnen machen dort Ferien/Tagesausflüge. Sicherlich, die alte Legende mit dem Urnerboden und dem Streit Uri/Glarus lässt die Glarner schon ein bisschen in einem besonderen Licht stehen - doch solche Legenden gibt es von allen Kantonen mit je eigenen Schwerpunkten. Gemäss den bisherigen Erfahrungen in all meinen Pfarreien, werde ich MENSCHEN treffen, die sich in dieser Landschaft vertraut gemacht haben und leben möchten....

Wenn Sie das obige lesen, fällt Ihnen was auf? Die vorausgehende Gemeinde/Pfarrei fühlte sich immer besser als die nachfolgende..... Und überall wo ich hinkam, fand ich Menschen, die den Weg des Lebens gehen wollten.

Warum ich nun nochmals einen Wechsel mache ist schon begründet in meinem damaligen Primizbildchen, der Priesterweihe: ich bin nicht gekommen um mich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen. Und ergänzend dort, wo der Dienst auch neue Wurzeln pflegen kann und es auch gewünscht ist. 

Gemäss alter Regelung im Bistum Chur wechselt ein Pfarrer nach ca. 10 Jahren. Diese Zahl ist zwar fiktiv und oftmals nicht eingefordert. Doch hat sie auch ihren Grund. Für uns Seelsorgerinnen und Seelsorger heisst es auch, sich immer wieder aufmachen, wieder von Neuem beginnen.  An jedem Ort findet man Menschen, die zur Begegnung einladen. Und für sie sind wir da. 

Wenn Sie die letzten Zeilen nachdenklich stimmen, dann dies als Ergänzung: Wie viele Seelsorgerinnen und Seelsorger haben wir noch in der Schweiz, die hier aufgewachsen sind in den Bistümern und nicht von aussen herzugerufen werden müssen? Müssen wir uns hier nicht auch die Frage stellen, welche Basis wir schaffen für Berufungen von Seelsorgerinnen und Seelsorgern, die mit den Menschen leben und mit ihnen vertraut sind?

Es gibt nicht nur die Vorurteile gegenüber Gemeinden, es gibt auch die Vorurteile gegenüber der Kirche und ihren MitarbeiterInnen. 

 

Anmerkung: Die Pfarrei Näfels ist die grösste im Kanton Glarus und umfasst die Dörfer: Näfels, Näfelsberg, Mollis, Filzbach, Obstalden und Mühlehorn

Carpe Diem

kurt vogtAuf diesen Seiten erstelle ich in loser Reihenfolge Blogeinträge zu Reisen, Gedanken oder zum Zeitgeschehen.

Es freut mich, wenn Sie regelmässig vorbei schauen und meine Gedanken und Berichte lesen.

Ihr Kurt Vogt
Pfarrer in der Pfarrei Schlieren

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