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In den letzten Wochen wurde immer wieder geredet von den verschiedensten Rechten der verschiedensten Personengruppen, sei es in der Gesellschaft oder sei es in der Kirche.

Dabei ging es bei allen zusammen immer wieder um die Rechte, die ICH habe, weil ICH einer bestimmten Personengruppe angehöre und entsprechend von verschiedenen Aufgaben ausgeschlossen werde.

Manchmal frage ich mich, ob dies der richtige Ansatz ist, um etwas zu erreichen und Anteil zu haben.

Geht es nicht viel mehr in diesen Fragestellungen um den Dienst an den ANDEREN als um mich selber?

Beginnen wir für einmal mit der Kirche:
Gott schenkt uns seine Nähe und die Sakramente, die Ausdruck seiner Liebe zu uns Menschen sind. Er schenkt uns seine Botschaft, die Leitplanke ist für unsere Lebensgestaltung.
Mit welchem Recht reduzieren wir Menschen dann den Zugang zu dieser Botschaft und zu den Sakramenten?
Ist es nicht die Aufgabe der Kirche, so vielen Menschen wie möglich die Sakramente erteilen und das Wort Gottes vermitteln zu können?
Entsprechend ist es fraglich, warum die Zulassungsbedingungen für die Spenderinnen und Spendern nicht angepasst werden. Theologische Abklärungen sind schon des Öfteren gemacht worden. Das Wort Gottes und die Sakramente kommen von Gott - die Zulassungsbedingungen von den Menschen.

In der Gesellschaft ist es ähnlich: Hier geht es doch meistens auch nicht um das Ziel, sondern um die Frage, wem wir die Erlaubnis geben wollen - mit dem Risiko, dass wir niemanden haben, der uns hilft das Ziel zu erreichen.

Grundvoraussetzung dafür ist natürlich, dass die entsprechenden Fähigkeiten und Ausbildungen vorhanden sind. Da nützt es nichts einfach zu sagen: "Ich habe Anrecht darauf, denn ich bin ein/e Laie/Lain,eine Frau, gehöre dieser oder jener Volksgruppe an". 

Da muss auch die persönliche Fähigkeit und Weiterbildung gesehen werden. Wer sich einsetzen will, muss auch die entsprechenden Grundlagen mitbringen. 

Wer keine Ahnung von Elektrizität hat, hat zB. nicht das Recht "Meister im Elektroberuf" zu sein. 

Es liegt an uns allen, ob wir jenen Menschen, die die Grundlagen und Fähigkeiten haben, zu den entsprechenden Aufgaben im Dienste des ANDEREN zuzulassen oder nicht. Und wir müssen viele Menschen dazu befähigen. 

Es liegt jedoch auch an uns zu vermitteln, dass es nicht um die eigene Selbsdarstellung geht, sondern um den Dienst am GEMEINWOHL.

Und dann geht es auch darum, dass jene, die die Möglichkeiten haben, ihre Pflichten auch wahrnehmen und umsetzen zum Wohle der Menschheit und nicht des ICH's.

 

 

In diesen Tagen wird viel über die Liturgie diskutiert. Gemeint ist die Frage der alten und neuen Liturgie infolge des Motu proprio "Traditionis Custodes" von Papst Franziskus.
Da ich in meinem Studium der Theologie Liturgik als mein Spezialgebiet behandelt habe, erlaube ich mir hierzu ein paar Bemerkungen.

1. Jede Liturgie spiegelt eine gesellschaftliche Dimension wieder aus der jeweiligen Zeit in der sie entstanden ist. Das ist ihre Aufgabe und ansonsten wird  sie von den Menschen nicht akzeptiert. Liturgie kann man nicht erfinden. Sie ist Ausdruck der persönlichen Empfindsamkeit.

2. Ich kann mich in alte Liturgien hineinversetzen und diese geniessen. Dies geschieht dann ähnlich wie sich hineinversetzen in die Gedanken der verschiedenen Dichter, Komponisten der jeweiligen Zeitperioden. Doch ist es nicht (!) meine Realität.

3. Die tridentische Liturgie aus dem 16. Jahrhundert vermittelt entsprechend die Haltungen und Intentionen der damaligen Zeit und sind nicht meine Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts. Und diese Liturgie ist ein "Sammelsurium", das über jahrzehnte zusammengestellt wurde in einer willkürlichen Art und Weise. Am sichtbarsten wird dies bei der Struktur des Hochgebetes dieser Liturgie.

4. Die Liturgie des Zweiten Vatikanum der 60er Jahre geht auf das 3. Jahrhundert zurück und hat diese Form für die neuere Zeit angepasst und adaptiert. Sie nimmt die Tradition auf und verbindet sie mit der Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts. Und damit mit der Geisteshaltung des 21. Jahrhunderts.

Fazit: Im 21. Jahrhundert kann ich nicht leben mit der Haltung von Menschen im 16. Jahrhundert. Und wenn ich es versuche, dann muss ich auch die Sprache, den Gestus und den komplexen Ritus verstehen und verinnerlichen.

Sehr bin ich dankbar, dass Papst Franziskus "Tradionis Custodes" geschrieben und veröffentlicht hat. Faktisch ist es ein Schreiben gegen falsche Kompromisse aus Goodwill, die dann ausgenützt werden. Es ist ein Schreiben für das Leben des Glaubens in der heutigen Welt.

 

 

Immer wieder kommt es vor, dass Personen den "partiellen Kirchenaustritt" melden. Sie meinen damit aus der öffentlich-rechtlichen Körperschaft auszutreten und dennoch in der Glaubensgemeinschaft zu bleiben. Entsprechend "zahlen" sie (vielleicht) freiwillig einen Beitrag in einen je nach Bistum anders genannten Fonds. Gemäss Entscheid des Bundesgerichtes ist dies möglich.

Sehr bedaure ich solche Schritte, da sie die Solidarität der Glaubensgemeinschaft untergraben und die eigene Verantwortung für die Kirche vor Ort nicht wahrgenommen wird. 

Für die Kirche selbst ist dies ein Auftrag, das bisherige System zu hinterfragen und daraus neue Konsequenzen zu ziehen, damit Unzufriedenheiten, die zu diesen Entscheiden führen, nicht erst entstehen. Dabei muss auch wieder bewusst gemacht werden, was der Sinn hinter den verschiedensten Regelungen ist.

So gibt es folgende Überlegungen anzusprechen:

a. In Italien gibt es z.B. die sogenannte Mandatssteuer. Diese zahlt jede steuerpflichtige Person. Doch die Person kann entscheiden, wem der entsprechende Betrag zugute kommt: der Kirche, dem Roten Kreuz, dem Opernhaus, dem Samariterbund usw. Es kann entschieden werden, wer das Geld bekommt.

b. Das System in den meisten Kantonen in der Schweiz: das duale System. Vielleicht muss man sich wieder mal bewusst werden, was die Hintergründe für dieses System sind.
War die röm. kath Kirche z.B. im Kanton Zürich bis Ende 50er Jahre als Verein organisiert, hatte dies die Konsequenz, dass die Pfarrer schauen mussten, wie sie zu Einnahmen kamen. Die sogenannte "freiwillige Kirchensteuer" wurde längst nicht von allen bezahlt und dann war der Betrag auch sehr unterschiedlich. Kam hinzu, dass der Pfarrer von den "grosszügigen Zahlern" abhängig wurde.
Für das Recht nicht ein x-beliebiger Verein zu sein und das Recht des unkomplizierten Steuereinzuges, hat der Staat Bedingungen gestellt, die die röm.kath. Kirche in vielen Kantonen der Schweiz mit dem dualen System beantwortet hat (es hätte auch andere Möglichkeiten gegeben). So wurde dieses System eingeführt zur Entlastung und Unterstützung der Pfarrer und Schaffung von Kapazitäten für die wesentlichen Aufgabe der Seelsorger und Seelsorgerinnen. So mussten die Pfarrer z.B. nicht überallhin für Bettelpredigten fahren und die eigene Pfarrei vernachlässigen.

Dass sich seit der Einführung des dualen Systems die Gesellschaft weiterentwickelt hat, ist offensichtlich. Entsprechend muss auch das duale System weiterentwickelt werden. Aus manchen Fehlentwicklungen soll gelernt und diese korrigiert werden. Die positiven Entwicklungen sollen sich weiter entfalten können. 

Ein Systemwechsel ist in der Schweiz nicht anzustreben, hat doch dies System viele Vorteile, wenn sich für die Kirche und den Glauben einsetzende Gläubige ihre Fähigkeiten einbringen und so die Kirche auf vielen Schultern getragen wird. Dabei setzt dies fähige Personen in allen Gremien und an allen Stellen voraus.

Fazit: Das Kind soll nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden. Es genügt das Wasser auszuwechseln oder es zu reinigen.

NB: In meiner ersten Pfarrstelle durfte ich Unterlagen lesen vom Gründer der dortigen Pfarrei, dem berühmten "Bettelprälat Franz Höfliger" (1938-1948 in Stäfa/ZH, vormals Kanzler in Chur). Das waren z.B. sein Kalender der Reisen für Bettelpredigten in die damals grosszügigen katholischen Stammlande. Es waren auch Briefe mit dem Inhalt: ".... Darf ich Sie freundlichst daran erinnern - zum Zweiten Male! - , dass Sie die freiwillige Kirchensteuer noch nicht bezahlt haben. Ich erwarte Ihre Einzahlung bis ....." oder Notizen: "Heute die Treppe hinuntergestossen worden, weil xy die freiwillige Kirchensteuer nicht bezahlen will."  - Wollen wir solche Zustände zurück?

 

 

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