Na ja, es ist fast niemand glücklich über die Verschiebung der Bischofswahl. Rom und Chur haben sich damit einen Bärendienst erwiesen: statt Vertrauen wurde Misstrauen gesät. Und es stellt sich natürlich die Frage, um was es denn eigentlich geht?

Sind wir deutlich: jedes Bistum hat die Pflicht ständig eine Liste für Bischofskandidaten zu erstellen - und besonders auf die Pensionierung eines Bischofs hin. Entweder ist diese Liste eine Fiktion oder ein Theater - ansonsten müsste jetzt die Liste und damit die Terna in Chur sein. Wenn dies nicht der Fall ist, dann verabschieden wir uns von dieser Regelung - und so wie wir uns von dieser Regelung verabschieden können, können wir uns auch von anderen Regeln verabschieden.

Fakt ist, dass nun niemand weiss, wann die Bischofswahl stattfindet und die Medien schiessen sich schon darauf ein. Es gibt verschiedenste Meinungen hierzu. Chur hätte die Möglichkeit mit der Veröffentlichung der offiziellen Dokumente Klarheit zu schaffen - nicht mit Stellungnahmen, sondern mit den Schreiben von Rom, die im Original veröffentlicht werden. Das wäre offene Kommunikation - und dies könnte auch Rom direkt.

Und die Medien: ach ja, sie schiessen sich schon jetzt auf alles Mögliche in der Kirche Schweiz ein. Und es befremdet mich, wie ausgebildete Theologen Stellungnahmen abgeben und die Realität nicht mehr sehen. Es ist "usus" in der Schweiz gegen das Religiöse und die röm.kath Kirche zu schreiben und zu reden. Es nennt sich dies Mainstream. Doch wo ist die Realität? - Es ist auch bequem von Ehemaligen und nicht mehr in Ämtern stehenden Personen, dass sie alles kommentieren und sagen, was in der Kirche zu verändern ist. Die Rückfrage ist jedoch erlaubt: Haben Sie die Veränderungen in ihren Amtszeiten gefördert, unterstützt - oder eben auch nicht gemacht?

Das Bistum Chur ist nicht der Hort der Erzkonservativen und der Gegenpol von Rom gegen die anderen Bischöfe in der Schweiz - wie es nun versucht wird darzustellen. Das Bistum Chur war in den 60er/70er/anfangs 80er Jahre führend in der katholischen Kirche Schweiz. Die Synode 72 ist nur ein einfaches und kleines Beispiel dafür. Unser Bistum Chur, mein Bistum Chur, hat viele gute Theologen und Theologinnen hervorgebracht, die auch international anerkannt wurden, und viele gute Seelsorgerinnen und Seelsorger.

Es darf nicht sein, dass all diese nun negativ dargestellt werden und mit "Vermutungen" beschädigt werden. Wer das Bistum Chur kennt, der kennt auch die grossen Zeiten von Bischof Caminada, Bischof Vonderach (4/5 seiner Amtszeit), der kennt aber auch die Persönlichkeiten von Teobaldi, Schuler, Burch, Matt, Pfammatter, und zig andere mehr. Das Bistum Chur ist und war fortschrittlicher als viele meinen und es ist nicht zu akzeptieren, dass dies nicht mehr wahrgenommen wird.

Doch kommen wir zurück zu den Medien und ihre Verantwortung: Wann legen die Medien in der Schweiz wieder die objektive Brille an und schauen nicht nur auf das Negative der röm. kath. Kirche und sind wieder objektiv?

Die Medien gelten als vierte MACHT  im Staat.

Dies heisst aber auch Verantwortung zu übernehmen. Und ich hoffe sehr, dass unsere Medien in der Schweiz mindestens zu Beginn der Amtszeit des neuen Bischofs nicht nur seine negativen Seiten aus seiner beruflichen Vergangenheit sehen, sondern auch das Positive und ihm eine Chance geben. Sehen die Medien dabei auch ein, dass der neue Bischof alle theologischen Richtungen unseres Bistums zum Wohle der Einheit in seinem Mitarbeiterstab vertreten haben muss? Oder wird dann jener/jene MitarbeiterIn abgelehnt, weil diese Person das andere Lager vertritt?
Vielleicht werden sich die Journalisten auch selber die Frage stellen: sind die Erwartungen an den neuen Bischof nicht zu hoch gestellt und messe ich die Erwartungen nicht an diesem Perfektionismus?

Mir tut der neue Bischof jetzt schon leid, denn er wird in ein vorbereitetes Haifischbecken geworfen - oder ist das Becken sogar voll von Piranhas?

Dem neuen Bischof wünschte ich allerdings ein Becken voller Petersfische wie im See Genesareth, wo er sich in Respekt behandelt entfalten kann und wirken darf bei seiner fast unmöglichen Arbeit infolge der zu hohen Erwartungen..

 

In unserer Gesellschaft ist vieles (zu vieles) reglementiert. Für fast alles gibt es eine Regel und dies gilt auch für das Arbeitsleben. In den Pflichtenheften, Anstellungsordnungen und den verschiedensten GAV oder Gesetzen steht so vieles drin, dass eigentlich fast alle wissen, was zu tun ist. Vereinfacht gesagt, heisst dies dann: Die Regelungen umsetzen und einhalten.

Und was haben all diese Regelungen gebracht? Viele kennen "nur" noch jene Bereiche, die aus ihrer Sicht wichtig sind - der Arbeitnehmer kennt seine Rechte, der Arbeitgeber die seinigen. Die Pflichten werden dann oftmals negiert, übersehen - oder dann wird etwas sein gelassen, was eben nicht formuliert wird.

Und hier beginnt der Unterschied, von Job, Beruf und Berufung. - Und wir? Sehnen wir uns nicht vermehrt nach Personen, die wieder die Berufung leben und pflegen und Menschen, die ihre Berufung finden.

Job: ist doch nichts anderes als das Umsetzen dessen, was mir den Lohn rechtfertigt - nicht mehr und nicht weniger. Ich mach es, weil es gemacht werden muss und der Stolz auf die Arbeit, die Identifikation damit fehlt.

Beruf: es ist mir wichtig in diesem meinem Arbeitsfeld das Beste zu machen und mich zu engagieren. In der Zeit, in der ich arbeite, tue ich alles für diesen Bereich, ich setze mich dafür ein, engagiere mich und suche selbst nach Lösungen. Doch nach der Arbeitszeit ist es fertig, abgeschlossen.

Berufung: meine Aufgabe ist ein Teil von meiner Identität, sie entspricht meinen Fähigkeiten und Talenten und lässt sich nicht auf 42-Stunden-Anstellungen einordnen. Die Aufgaben werden wahrgenommen als Teil meines Lebens und damit gehen diese Gedanken auch ausserhalb der "Arbeitszeit" hierin auch weiter. Es schmerzt, wenn jemand anders die gleiche Aufgabe nur als Job versteht oder als Beruf.

Job - Beruf - Berufung: dies ist auch eine Frage in der Kirche. Eine Frage, die an das Fundament der Kirche geht. Denn mit welcher Motivation wird die Arbeit in der Kirche gemacht: als Job, als Beruf, aus Berufung? - Die Glaubwürdigkeit der Kirche steht damit auf dem Spiel. Es kann nicht gepredigt werden, wie wichtig einem die Kirche, der Glaube ist - und man geht nur dann in die Kirche, wenn man hierfür bezahlt ist. Es kann nicht Freiwilligkeit der Pfarreiangehörigen eingefordert und selbst nichts darin beigetragen werden.

Berufungen sind gefragt im Wandel der Kirche - für die Zukunft der Kirche. Und nicht das Job-Denken mit den Anstellungsordnungen im Hinterkopf.

 

Warum setzen wir uns ein für das Leben, für die Mitmenschen, die Schöpfung?

Manchmal denke ich mir, der Einsatz ist einzig und allein wegen der Selbstdarstellung und man vergisst, alles andere.

Jesus Christus zeigt uns, dass wir für die Menschen da sind und nicht die anderen Menschen für uns. Es geht nicht um Profit, Karriere oder was anderes, sondern um den Dienst an den Menschen, die uns begegnen. Mit Ihnen leben wir, für sie sind wir da und von ihnen laseen wir uns beschenken. Das Geheimnis von Ostern liegt hierin verborgen und ist hierin getragen.

So mache ich mir keine Sorge um die Botschaft Jesu Christi, die die Botschaft der Kirche ist. Sorgen mache ich mir jedoch um die Kirche selbst, die vergessen hat, für was sie da ist und dies wieder erkennen musss.

Sie musss es erkennen, damit sie weiterhin eine Berechtigung hat.

Und wenn viele Verantwortliche immer sagen, die Kirche braucht Zeit, dann muss ich sagen: Jesus hatte 3 JAHRE - hören wir also auf mit diesem verzögernden Argument und der falschen Rechtfertigung.

Carpe Diem

kurt vogtAuf diesen Seiten erstelle ich in loser Reihenfolge Blogeinträge zu Reisen, Gedanken oder zum Zeitgeschehen.

Es freut mich, wenn Sie regelmässig vorbei schauen und meine Gedanken und Berichte lesen.

Ihr Kurt Vogt
Pfarrer in der Pfarrei Schlieren

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