Als ich vor vielen Jahren meine berufliche Tätigkeit im Kanton Uri begann, durfte ich hören: "Wie kann man nur so blöde sein, in diesen Kanton zu gehen. Die sind doch hinter dem Mond..." Na ja, die Urner waren nicht hinter dem Mond, mehr auf dem Laufenden als viele meinten, aber sie waren bodenständig.

Als ich von dort wegging in die Stadt Winterthur, hiess es: "Aber nicht in eine Arbeiterstadt mit so vielen Ausländern. Das ist ja nicht mehr was von uns. Die sind doch...." Na ja, angetroffen hatte ich Menschen mit ihren Freuden und Sorgen....

Und als ich von dort wegging nach Stäfa, wo ich dann 18 Jahre wirkte, bekam ich zu hören: "Dorthin? Zu diesen hochnäsigen an der Goldküste und den vielen Reformierten, die auf uns herabschauen? Das werden Sie nicht lange aushalten." - Erfahrbar waren Menschen, in der grössten Weinbauerngemeinde des Kantons Zürich mit Herzblut und Stolz auf den Ort, wo sie wohnen.

Dann hiess es, dass ich ins Limmattal gehen werde. "Was dorthin? Da kann man doch nicht leben, da geht alles kaputt und wird alles zerstört. Eine grässliche Landschaft...." - Die Landschaft ist schön, die Menschen vielfältig auf Grund der verschiedenen Nationalitäten und darin eine grosse Chance: ein kleines Babylon in dieser globalen Welt - und doch sich zusammenfindend.

Und nun, wo die Menschen wissen, dass ich nach Näfels/GL gehen werde, heisst es auf einmal: Dorthin? In den Ziegerschlitz? In ein kleines Dorf?" - Na ja, so klein ist Näfels und der Kanton Glaurs nicht und so schlimm sicherlich auch nicht, denn zuviele ZürcherInnen machen dort Ferien/Tagesausflüge. Sicherlich, die alte Legende mit dem Urnerboden und dem Streit Uri/Glarus lässt die Glarner schon ein bisschen in einem besonderen Licht stehen - doch solche Legenden gibt es von allen Kantonen mit je eigenen Schwerpunkten. Gemäss den bisherigen Erfahrungen in all meinen Pfarreien, werde ich MENSCHEN treffen, die sich in dieser Landschaft vertraut gemacht haben und leben möchten....

Wenn Sie das obige lesen, fällt Ihnen was auf? Die vorausgehende Gemeinde/Pfarrei fühlte sich immer besser als die nachfolgende..... Und überall wo ich hinkam, fand ich Menschen, die den Weg des Lebens gehen wollten.

Warum ich nun nochmals einen Wechsel mache ist schon begründet in meinem damaligen Primizbildchen, der Priesterweihe: ich bin nicht gekommen um mich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen. Und ergänzend dort, wo der Dienst auch neue Wurzeln pflegen kann und es auch gewünscht ist. 

Gemäss alter Regelung im Bistum Chur wechselt ein Pfarrer nach ca. 10 Jahren. Diese Zahl ist zwar fiktiv und oftmals nicht eingefordert. Doch hat sie auch ihren Grund. Für uns Seelsorgerinnen und Seelsorger heisst es auch, sich immer wieder aufmachen, wieder von Neuem beginnen.  An jedem Ort findet man Menschen, die zur Begegnung einladen. Und für sie sind wir da. 

Wenn Sie die letzten Zeilen nachdenklich stimmen, dann dies als Ergänzung: Wie viele Seelsorgerinnen und Seelsorger haben wir noch in der Schweiz, die hier aufgewachsen sind in den Bistümern und nicht von aussen herzugerufen werden müssen? Müssen wir uns hier nicht auch die Frage stellen, welche Basis wir schaffen für Berufungen von Seelsorgerinnen und Seelsorgern, die mit den Menschen leben und mit ihnen vertraut sind?

Es gibt nicht nur die Vorurteile gegenüber Gemeinden, es gibt auch die Vorurteile gegenüber der Kirche und ihren MitarbeiterInnen. 

 

Anmerkung: Die Pfarrei Näfels ist die grösste im Kanton Glarus und umfasst die Dörfer: Näfels, Näfelsberg, Mollis, Filzbach, Obstalden und Mühlehorn

Carpe Diem

kurt vogtAuf diesen Seiten erstelle ich in loser Reihenfolge Blogeinträge zu Reisen, Gedanken oder zum Zeitgeschehen.

Es freut mich, wenn Sie regelmässig vorbei schauen und meine Gedanken und Berichte lesen.

Ihr Kurt Vogt
Pfarrer in der Pfarrei Schlieren

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